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Archiv:   Kritik als Dienstleistung? Wissenschaftliche Ratschläge für die Politik zwischen Legitimation und Intervention. iFQ Jahrestagung 2015 am 07./08. Dezember

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Kritik als Dienstleistung?
Wissenschaftliche Ratschläge für die Politik zwischen Legitimation und Intervention

Jahrestagung | 10 Jahre Wissenschaftsforschung am Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung am 07. und 08. Dezember 2015
in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW)
am Gendarmenmarkt, Leibniz-Saal, Markgrafenstraße 38, 10117 Berlin

Montag, 7. Dezember 2015

11.15 – 11.45

Begrüßung und Einführung

Professor Dr. Stefan Hornbostel
Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ)

Sektion 1: Politisches Handeln, wissenschaftliche Beratung und Evaluierung:
Begriffe und Funktionen

11.45 – 12.30 *

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Institutional Integrity for Effective Science Advice

Professor Roger A. Pielke, Jr., PhD
University of Colorado, Boulder

(Vortrag auf Englisch)

Regierungen benötigen heutzutage eine breite Palette an Expertenwissen, um informierte Entscheidungen zu treffen. Allerdings ist dieses Wissen in einigen Fällen stark umstritten und politische Opponenten fahren andere Evidenz auf, um ihre Perspektive zu stützen. In anderen Fällen sind politische Interessen auf einen bestimmten Handlungskurs festgelegt, ohne dabei wissenschaftliche Evidenz einzubeziehen. In solchen Kontexten brauchen Regierungen Institutionen, die sie beraten, ohne dabei für bestimmte Handlungen zu plädieren. Solche Institutionen sind selten. Im Vortrag werden die verschiedenen Rollen von Beratungsgremien diskutiert, mit Blick auf reale Beispiele für Erfolg und Misserfolg. Die Bedeutung von sowohl wissenschaftlicher als auch politischer Führung, die einen geschützten Raum für Beratung unabhängig von politischem Handlungsdruck bieten muss, wird dabei herausgestrichen.
12.30 – 13.30 Mittagspause

13.30 – 14.15 *

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Wissenschaftliche Politikberatung in der Ära des Digitalen – die Anerkennung des "dilettierenden Experten"?

Professorin Dr. Sabine Maasen
Technische Universität München

Wissenschaftliche Politikberatung ist bekanntlich notorisch transgressiv (Nowotny): Die an Experten gestellten Fragen überschreiten i.d.R. deren spezialisierte wissenschaftliche Kenntnis. Dies verschärft sich erneut, seit es um die "digitale Gesellschaft" geht, deren technogesellschaftlichen Bedingungen und Folgen von enormer Komplexität sind: Erstens überlagern sich die Entwicklungen von Hardware, Software, Plattformen, Protokollen und Standards; zweitens forciert dies Handlungsbedarf quer zu klassischen Politikfeldern. Drittens beginnt wissenschaftliche Politikberatung, sich selbst um digitale Prozeduren zu ergänzen. Erste Kennzeichen sind: Erhöhte Zugänglichkeit und Instantaneität, neue Sprecherpositionen (z.B. Netzaktivisten); indirekte Intervention durch die Entwicklung technischer Infrastrukturen zur Beteiligung von Expertise. Erlebt der Wissenschaftler als Politikberater in der Ära des Digitalen nun (endlich!) Anerkennung und institutionelle Realität als "dilettierender Experte"?

14.15 – 15.00 *

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Nostalgia for the World Without Numbers

Professor em. Dr. Peter Weingart
Universität Stellenbosch/ Südafrika; Technische Universität München

(Vortrag auf Englisch)

Kann und sollte wissenschaftliche Leistung quantitativ bewertet werden? Trotz aller Kritik an der Zweckmäßigkeit quantitativer Indikatoren ist der Widerstand dagegen müßig. Blinder Glaube in die Technologie der Zahlen ist allerdings ebenso fehl am Platz wie uneingeschränkte Zurückweisung, die nicht die Kraft des sozialen Wandels anerkennt, der die Wissenschaftsbewertung antreibt. Stattdessen soll für die pragmatische Gestaltung des Bewertungssystems argumentiert werden.
15.00 – 15.30 Kaffeepause

15.30 – 16.15 *

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Professionalisierung der Evaluation – Schützen Wissenschaftsstandards vor Vereinnahmung?

Professor Dr. Wolfgang Böttcher
Universität Münster

Die Hochkonjunktur der Evaluation hat auch ihre Schattenseiten. Was Evaluation auszeichnet, verschwimmt allzu leicht. Das Fremdwort "Evaluation" ist mittlerweile zum Alltagsbegriff geworden, der ins Spiel kommt, sobald irgendjemand irgendetwas bewertet: Rückmeldebögen im Hotelzimmer über die Härte der Matratzen und die weltweite Vermessung von Schülerleistungen: alles Evaluation. Alles Evaluation? Nach einer Definition von Evaluation, die die Besonderheit des Verfahrens herausstellt, muss es darum gehen, die Qualität von Evaluationen einzuschätzen. Standards der Evaluation sind ein notwendiges und gut begründetes Instrument zur Unterscheidung von schlechter und guter, und in diesem Sinne professioneller Evaluation. Auf ihrer Grundlage kann auch über "Evaluation als Profession" nachgedacht werden. Die DeGEval – Gesellschaft für Evaluation kann diese Entwicklung – gemeinsam mit Organisationen, die Evaluierungen durchführen – befördern.

16.15 – 17.00 *

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Der Wissenschaftsrat im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik

Dr. Andreas Stucke
Wissenschaftsrat

Mit dem Wissenschaftsrat ist ein Modell von Politikberatung institutionalisiert, das auf den diskursiven Austausch des professionellen Erfahrungswissens von Akteuren aus Wissenschaft, Politik und Ministerialverwaltung setzt. Wenn man berücksichtigt, dass der Wissenschaftsrat seit 60 Jahren existiert, kann diesem Modell ein gewisser Erfolg nicht abgesprochen werden. Der Vortrag geht der Frage nach, welches die "Erfolgsbedingungen" des Wissenschaftsrates sind und welche Rolle "wissenschaftliches Wissen" – also im Wesentlichen die Ergebnisse der Hochschul- und Wissenschaftsforschung – künftig für die Politikberatung im Wissenschaftsrat spielen kann und soll.
Festakt am Abend des 7. Dezembers 2015: 10 Jahre Wissenschaftsforschung des iFQ
(Teilnahme auf Einladung)

 

Dienstag, 8. Dezember 2015
Sektion 2: Zwischen Legitimation und Intervention:
Qualitätssichernde Akteure in unterschiedlichen Politikfeldern

9.00 – 9.15

Einführung in den zweiten Tag

Dr. Katja Patzwaldt
Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina

9.15 – 10.00 *

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Gesundheitspolitik: Transparenz, Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit – das IQWiG im Spannungsfeld zwischen Patienten- und Wirtschaftsinteressen

Professor Dr. med. Jürgen Windeler
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen; Universität Bochum

Das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) ist ein selbständiges, fachlich unabhängiges Institut. Es ist im SGB V verankert. Dort werden auch seine Aufgaben und Pflichten beschrieben. Das Institut ist Teil der gemeinsamen Selbstverwaltung und wird von einer Stiftung unter Trägerschaft des Gemeinsamen Bundesausschusses getragen. Zentrale Aufgaben des Instituts sind die Bewertung von medizinischen Untersuchungs- und Behandlungsverfahren sowie die Bereitstellung evidenzbasierter, allgemein verständlicher Informationen für Bürgerinnen und Bürger. Das IQWiG sieht sich in diesem Auftrag ganz vorrangig Patienteninteressen verpflichtet und befindet sich somit in einem Spannungsfeld zu wirtschaftlichen Interessen vielfältiger Art, soweit diese nicht das gleiche Ziel verfolgen.

10.00 – 10.45 *

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Evaluierung und wissenschaftliche Politikberatung in der Entwicklungspolitik – Das Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit DEval

Professor Dr. Jörg Faust
Deutsches Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit; Universität Duisburg-Essen

Die Entwicklungszusammenarbeit zählt zu jenen Politikfeldern, in der nicht nur eine jahrzehntelange Erfahrung mit Evaluierung und wissenschaftlicher Politikberatung existiert, sondern in der diese Erfahrungen in hohem Maße internationalisiert sind. Gleichzeitig ist das Politikfeld der Entwicklungszusammenarbeit in den letzten Jahren einem erheblichen Veränderungsdruck unterworfen, der auch an die Evaluierung neue Ansprüche stellt. Vor diesem Hintergrund skizziert der Vortrag die relevanten Entwicklungen im Politikfeld, positioniert das DEval als institutionelle Innovation in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und Evaluierungslandschaft und thematisiert dessen zentrale institutionelle, prozedurale und wissenschaftliche Chancen bzw. Herausforderungen.
10.45 – 11.15 Kaffeepause

11.15 – 12.00 *

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Berufsbildungspolitik: Wissenschaft im Dialog mit der beruflichen Praxis

Professor Dr. Reinhold Weiß
Bundesinstitut für Berufsbildung; Universität Duisburg-Essen

Berufsbildungsforschung ist ihrem Selbstverständnis nach auf die berufliche Praxis und Praxisgestaltung ausgerichtet. Der Dialog zwischen Vertretern der Wissenschaft auf der einen Seite, der Politik und Berufsbildungspraxis auf der anderen Seite ist ein zentrales Merkmal der Berufsbildung. Berufsbildungsforschung muss dem Rechnung tragen. Dies betrifft vor allem die Themengenerierung und die Organisation des Transfers. Umso wichtiger ist es, die Rollen der Beteiligten zu klären, zwischen Forschung, Entwicklung und Beratung zu unterscheiden sowie die Unabhängigkeit der Forschung zu wahren.

12.00 – 12.45 *

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Wirtschafts- und Sozialpolitik: Gute wissenschaftliche Beratung bedarf mehr als guter Messung und Indikatoren

Professor Dr. Gert G. Wagner
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung; Technische Universität Berlin

Wissenschaftliche Messungen und daraus abgeleitete Indikatoren beeinflussen nicht automatisch die Politik in einer rationalen Art und Weise. Ohne ein entsprechendes Umfeld in der Wissenschaft und in der Politik bleiben Indikatoren wirkungslos oder richten Unheil an. Notwendige Voraussetzung für rationale Wirksamkeit ist eine wissenschaftliche Community, die nicht nur Indikatoren berechnet und publiziert, sondern diese Indikatoren bzw. Datenquellen auch für (Kausal)Analysen nutzt. Übergeordnete Instanzen sollten die gute wissenschaftliche Qualität sicherstellen und übertriebene Interpretationen vermeiden helfen (z. B. Akademien). Notwendige Bedingungen für rationale Beratung auf Seiten der Politik sind entsprechend geschulter Sachverstand zur Interpretation von Indikatoren und wissenschaftlichen Analysen (die meist weniger aussagekräftig sind als die Wissenschaft behauptet) sowie eine Selbstbindung der Politik, Indikatoren und wissenschaftliche Ergebnisse auch ernsthaft in politische Auseinandersetzungen einfließen zu lassen. Unabhängige Beiräte und Sachverständigenräte können eine solche Selbstbindung und zugleich die rationale öffentliche Diskussion befördern.
12.45 – 13.45 Mittagspause

13.45 – 14.30 *

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Hochschul- und Wissenschaftspolitik: Beiträge der Hochschul- und Wissenschaftsforschung im Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW)

Professorin Dr. Monika Jungbauer-Gans
Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung; Leibniz-Universität Hannover

Angesichts von Globalisierung, Internationalisierung, technologischem Wettbewerb und demografischem Wandel hat tertiäre Bildung und eine leistungsfähige Forschung eine zunehmende Bedeutung in modernen Gesellschaften. Die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen entsprechend zu gestalten, aber auch die Forschungsagenda für öffentlich finanzierte Forschung im Austausch mit der Wissenschaft zu definieren, ist Aufgabe der Hochschul- und Wissenschaftspolitik. Die Hochschul- und Wissenschaftsforschung übernimmt die Aufgabe, Daten zur Entwicklung von Studium und Forschung im nationalen und internationalen Vergleich zu erheben und zu analysieren sowie vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ziele einer nachhaltigen, d.h. fairen und ressourcenschonenden Entwicklung zu bewerten. Die Ergebnisse der Hochschul- und Wissenschaftsforschung sind eine Grundlage für die Bewertung von bildungs- und wissenschaftspolitischen Entscheidungen.

14.30 – 15.15 *

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Qualität im Übergang: zur Symbiose von Evaluation und Wissenserzeugung

Professor Dr. Paul Wouters
Centre for Science and Technology Studies, Universität Leiden

(Vortrag auf Englisch)

Evaluation ist in der Forschung allgegenwärtig. Forscher und Wissenschaftsmanager müssen sich auf einer dauerhaften Basis evaluieren lassen. Das ist das Ergebnis des Wachstums sowohl der Größe als auch der Komplexität des Wissenschafts- und Forschungssystems. Evaluationen sind auch Ausdruck einer Krise im Umgang mit der Wissenschaft als wertvoller sozialer Institution. Die Wissenschaft unterliegt einer fundamentalen Umwälzung, die alle ihre Funktionsbereiche umfasst: Finanzierung, Veröffentlichungen, Evaluation, Ausstattung, Information und Karrierewege. In diesem Vortrag wird diese fundamentale Krise diskutiert und schließlich erörtert, wie Forschung zur Qualität eine entscheidende Rolle spielen kann, ein sozial sensibles, dennoch wissenschaftlich robustes System der Wissenserzeugung zu entwickeln, das den Herausforderungen der Zukunft besser entspricht als das gegenwärtige System.

15.15 – 15.30

Schlusswort

Professor Dr. Stefan Hornbostel
Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ)

* Vortrag und Diskussion

Leitfragen zur Sektion 1

  • Was zeichnet wissenschaftliche Politikberatung aus?
  • Wodurch legitimiert sich der Wissenschaftler als Experte? Wie verändert sich seine Rolle vom Wissenschaftler zum Experten?
  • Welche legitimierende und intervenierende Wirkung geht vom wissenschaftlichen Wissen aus? Was bedeutet dies bei komplexen oder divergierenden Wissensbeständen?
  • Wie kann die Balance im Austausch zwischen Wissenschaft und Politik gelingen? Welche organisationalen Voraussetzungen müssen erfüllt sein?
  • Was sind die Mindeststandards bei der wissenschaftlichen Beratung, Begleitforschung und Evaluation politischer Maßnahmen? Inwieweit können wissenschaftliche Standards Einflussnahmen der Auftraggeber verhindern?

Leitfragen zur Sektion 2

  • Welche Typen von qualitätssichernden Einrichtungen gibt es? Welche Aufgaben sollen diese erfüllen? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede lassen sich ausmachen?
  • Wie unabhängig kann/darf wissenschaftliche Begleitforschung im Auftrag der Politik sein? Welche institutionellen Voraussetzungen müssen hierbei erfüllt sein?
  • Wie ist das Verhältnis zwischen eigener Forschung, Auftragsforschung und serviceorientierter Dienstleistung in den einzelnen Einrichtungen? Welche Freiheitsgrade gibt es bei der auftragsungebundenen Forschung?
  • Muss oder kann wissenschaftliche Beratung in politischen Kontexten werturteilsfrei sein?
  • Soll in der Beratung nur der Stand der Wissenschaft zusammengefasst werden? Sollen verschiedene Entscheidungsoptionen angeboten oder dürfen sogar direktive Handlungsempfehlungen abgegeben werden? Was sind die expliziten Vorgaben des Auftraggebers und wie sieht die "Schere im Kopf" aus?
  • Welche Rolle spielen weitere Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden, Zivilgesellschaft und massenmedialer Öffentlichkeit? Inwiefern stützen diese die eigene (Un-)Abhängigkeit?
  • Welche Forschungsdaten braucht die Einrichtung? Müssen diese selbst erhoben oder von Dritten zur Verfügung gestellt werden? Wie abhängig ist die Arbeit sowohl von internen als auch externen Forschungsinfrastrukturen?