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iFQ - Doktorandenausbildung (Kalle Hauss)<

Hürdenlauf in die strukturierte Doktorandenausbildung. Ergebnisse einer Internetrecherche zu Auswahlverfahren an den Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative
Kalle Hauss © April 2009

Traditionell gehört es zu den Besonderheiten des Berufsstandes des Hochschullehrers, dass sich seine Angehörigen nach dem Prinzip der Selbstrekrutierung erzeugen. Die „Selbsterneuerung“ (Enders 1996: 47) findet dabei unter ungewöhnlichen Bedingungen statt, sobald man andere Professionen vergleichend heranzieht. Zum einen fehlen im Arbeitsmarkt „Hochschule“ ausgefeilte Karriereleitern, wie sie etwa in internen Arbeitsmärkten der Industrie beobachtbar sind. Die einzig anerkannte Position ist die des Hochschullehrers. Zum anderen weist eine verhältnismäßig lange Phase der Bewährung auf dem Weg zur Professur darauf hin, dass „Universitäten ungewöhnliche Schwierigkeiten haben zu entscheiden, wer ein guter Arbeitnehmer ist“ (Sørensen 1992:91). Die Beurteilung einer zukünftig erwartbaren herausragenden Leistung gehört zu der besonderen Herausforderung bei der Vergabe von Dauerpositionen im Wissenschaftssystem. Je länger eine Entscheidung über die Vergabe einer Dauerposition hinausgezögert werden kann, desto mehr Informationen über die tatsächliche Performanz eines Aspiranten lassen sich für die Beurteilung gewinnen.

Ob und zu welchem Zeitpunkt die Weichen für eine universitäre Laufbahn gestellt werden, ist – darauf hat bereit Max Weber zu Beginn des letzten Jahrhunderts hingewiesen (Weber 1992) – nicht zuletzt auch vom Zufall abhängig. Der selektive Charakter der Wissenschaftlerlaufbahn äußert sich damals wie heute in Unsicherheiten, wie z.B. beruflichen Befristungen, und setzt ein hohes Maß an Durchhaltevermögen voraus (Enders 2001; Joas 1992).

Am Beginn steht die Promotion, die gegenwärtig zu etwa 60% auf klassischen Mitarbeiterstellen im Rahmen eines „Meister-Schüler-Verhältnisses“ bestritten wird (Falk 2006, Enders 2001). Traditionell erfolgt der Zugang zur Promotion über die Aufforderung durch einen Hochschullehrer, der auf der Grundlage disziplinärer Interessen und persönlicher Bedarfe und Neigungen Kandidatinnen und Kandidaten auswählt (vgl. Joas 1992: 84). Oftmals rekrutieren sich diese über die Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskräfte oder fallen ihren späteren Betreuerinnen und Betreuern durch gute Abschlussarbeiten auf (Enders 2001; Matthies et al. 2001; Metz-Göckel & Selent 2004). Diese auch als „homosoziale Kooptation“ (Wissenschaftsrat 2007; Meuser 2004) bezeichnete Form der Rekrutierung ist im Zuge der Diskussion um die Förderung von Chancengleichheit in der Wissenschaft in die Kritik geraten (vgl. Almendinger 1996; Wissenschaftsrat 2007; Meuser 2004).

Mit der Einführung von strukturierten Promotionsprogrammen haben wettbewerbliche Rekrutierungsverfahren Einzug in die Doktorandenausbildung erhalten, deren Selektionsmechanismen zumindest potentiell losgelöst von Selbstkooptationsprinzipien wirken. Bei genereller Akzeptanz des Leistungsprinzips wird die Entscheidung über die Besetzung einer Stelle oder die Vergabe eines Stipendiums auf der Grundlage erbrachter Leistungen getroffen. Üblicherweise dienen Zertifikate, wie z.B. Abschlusszeugnisse, aber auch Publikationen, Preise und Auszeichnungen als Indikatoren für eine erwartbare wissenschaftliche Leistung. Der Herstellung und Sicherstellung eines hohen wissenschaftlichen Standards bei der Auswahl der Doktoranden kommt gerade in einer zunehmend an Evaluationsergebnissen orientierten Wissenschaftslandschaft eine legitimierende Funktion zu. Das wettbewerbliche Auswahlverfahren wird zum qualitätssichernden Moment in der strukturierten Doktorandenausbildung.

An den Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative sind wettbewerbliche Auswahlverfahren entstanden, die in einigen Fällen assessment-center-ähnliche Strukturen aufweisen (Hauss & Kaulisch 2009; Sondermann et al. 2008). Die Frage, mit welchen Methoden und Instrumenten die Graduiertenschulen geeignete Doktoranden auswählen, stand im Mittelpunkt einer Internetrecherche an 37 aktuell geförderten Graduiertenschulen (vgl. Hauss & Kaulisch 2009). Im Mittelpunkt standen folgende Fragen: 1) welche Zugangswege zu den Graduiertenschulen gibt es, 2) welche Kriterien werden bei der Auswahl angewendet, und 3) welche Selektionsinstrumente für die Auswahl der Doktoranden werden genutzt.

Zugangswege
Die Aufnahme in eine Graduiertenschule erfolgt traditionell über eine Bewerbung. Es werden i.d.R. unterschiedliche Rollen und Positionen angeboten:

  1. Bewerbung auf eine assoziierte Mitgliedschaft: Mit der assoziierten Mitgliedschaft ist i.d.R. kein Stipendium verbunden, die Mitglieder finanzieren sich anderweitig (z.B. über Mitarbeiterstellen).
  2. Bewerbung auf eine ausgeschriebene Promotionsstelle (Mitarbeiterstelle) an der Graduiertenschule.
  3. Bewerbung als Gasthörer/Gastdoktorand. Üblicherweise wird die Mitgliedschaft für einen vereinbarten Zeitraum vergeben.
  4. Bewerbung als Mitglied eines assoziierten Graduiertenkollegs oder eines anderen Promotionsprogramms, welches der Graduiertenschule institutionell angegliedert ist: In vielen Fällen kommt es zu institutionellen Verflechtungen zwischen Graduiertenschulen, Graduiertenkollegs oder auch außeruniversitären Einrichtungen. Für Bewerber von Kooperationspartnern und assoziierten Einrichtungen gelten oftmals gesonderte Zugangsbedingungen.
  5. Bewerbung als Bachelor-Absolvent: An einigen Graduiertenschulen wird die Doktorandenausbildung mit Elementen der grundständigen Lehre verbunden. Indem zusätzlich Bachelor- und Masterprogramme an der Graduiertenschule angeboten werden, sollen potentielle Kandidaten für die weiterführende Promotionsphase ausgebildet und in besonderer Weise qualifizierten Studierenden die Möglichkeit einer frühen Heranführung an die Promotion ermöglicht werden. Die als „Predoc“-Phasen oder „Fast-Track-Modelle“ bezeichneten Verfahren sehen vor, Studierenden in der Master-Phase die Teilnahme am Kursprogramm des Doktorandenprogramms zu ermöglichen. Der Masterabschluss wird i.d.R. während der ersten Phase der Promotion erworben. Master-Abschluss und Startphase der Promotion fallen zeitlich somit aufeinander und verhindern längere Übergangsphasen. Für Bewerber mit Bachelor-Abschluss gelten i.d.R. geringfügig abweichende Zugangsbedingungen.
  6. Bewerbungen von „internen“ Kandidaten. Hierunter werden Doktoranden mit bereits laufenden Promotionsvorhaben außerhalb der Graduiertenschule gefasst, deren Promotionsprojekt jedoch an derselben Hochschule angesiedelt ist.

Die Kriterien für die Auswahl geeigneter Doktoranden unterscheiden sich zwischen den identifizierten Rollen und Positionen nur marginal. Zudem bleiben die Unterschiede oft unklar: Für interne Bewerber und Bewerberinnen z.B. werden häufig „reduced applications“ oder „simplified admission procedures“ beschrieben. Informationen über die Ausgestaltung dieser offenbar weniger restriktiven Verfahren konnten im Rahmen der Internetrecherche nicht gewonnen werden.

Kriterien der Auswahl
Das Auswahlverfahren besteht i.d.R. aus einem zweistufigen Prozess, der mit der Vorauswahl geeignet erscheinender Doktoranden beginnt. Anhand der Bewerbungsunterlagen wird die Vorauswahl i.d.R. auf der Grundlage der folgenden Dimensionen von Kriterien getroffen:

  1. Formale Qualifikation: Abschlussnoten, berufliche Abschlüsse (wenn vorhanden), akademischer Werdegang.
  2. Forschungsinteresse: Mehrheitlich (30 von 37 Graduiertenschulen) ist den Bewerbungsunterlagen ein Motivationsschreiben beizufügen, aus dem die eigenen Forschungsinteressen hervorgehen.
  3. Qualität der Referenzen: Referenzen sind ein Bestandteil der Bewerbung, der sich – auch international – als Standard in der Wissenschaftslandschaft etabliert hat.
  4. Passung des vorgeschlagenen Dissertationsprojektes mit dem Forschungsprofil der Graduiertenschule.

Einen besonderen Stellenwert nehmen Studienabschlussnoten und Benotungen von Studienleistungen ein. Die Mehrheit der Graduiertenschulen legt Studienabschlussnoten fest, die mindestens für eine Aufnahme erreicht werden müssen. 10 von 24 Graduiertenschulen, über die Angaben zu geforderten Abschlussnoten vorliegen, sehen im Durchschnitt eine „exzellente“ Abschlussnote von 1.4 oder besser vor. Neben Abschlusszeugnissen sowie Studien- und Leistungsnachweisen gehören Publikationslisten und Angaben zu Patentanmeldungen, Preisen und Auszeichnungen – sofern vorhanden bzw. relevant – zum Standard in der Bewerbungsmappe.

Instrumente der Selektion
Nachdem eine Vorauswahl auf der Grundlage der Bewerbungsunterlagen getroffen wurde, erfolgt die Entscheidung über die Aufnahme in die Graduiertenschule im Rahmen eines anschließenden Auswahlverfahrens. Hierfür werden i.d.R. die folgenden Selektionsinstrumente herangezogen:

  1. Interview: Einzelgespräche und Gruppeninterviews,
  2. Präsentationen von Arbeitsergebnissen oder Forschungsvorhaben vor einem Fachpublikum oder Fachvertretern,
  3. Mündliche und schriftliche Tests,
  4. assessment-center-ähnliche Verfahren.

Letztere beinhalten ein sehr aufwendiges und teilweise über mehrere Tage andauerndes Testverfahren. Die üblicherweise als „interview days“, „recruitment meeting“, „interview week“ oder auch „selection week“ bezeichneten Assessments verbinden Interviews, schriftliche und mündliche Tests sowie Präsentationen zu einem mehrstufigen Auswahlprozess. An vier Graduiertenschulen (alleaus den Lebenswissenschaften) konnten Hinweise auf diese Form des Assessments gefunden werden.

Neben verschiedenen Formen des Interviews (Einzel- oder Gruppeninterviews) müssen die Bewerber Forschungsergebnisse aus zurückliegenden Projekten oder zukünftigen Forschungsvorhaben präsentieren. In der Tendenz werden Präsentationen als Selektionsinstrument häufig innerhalb der Lebenswissenschaften, seltener innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften genutzt. An einigen wenigen Graduiertenschulen (insgesamt sechs) dienen auch schriftliche und mündliche Tests der Feststellung der Eignung. Vier dieser sechs Graduiertenschulen sind den Lebenswissenschaften zugeordnet.

Fazit
An den Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative kommen Auswahlverfahren zum Einsatz, die teilweise neue Wege in der Nachwuchsrekrutierung erkennen lassen. Einerseits greifen die Graduiertenschulen auf erprobte Verfahren der Rekrutierung zurück die fachtypischen Gepflogenheiten folgen und üblichen Rekrutierungsstandards entsprechen. Andererseits deuten die Analysen darauf hin, dass in Abkehr von der traditionellen Form der Doktorandenrekrutierung im Rahmen von wettbewerblichen Verfahren die individuelle Leistung an die Stelle von Kooptationsmechanismen tritt. Exemplarisch hierfür stehen die aufwendigen Formen von Assessments. Letztendlich bleibt es zukünftigen Forschungsvorhaben vorbehalten, die Wirkung wettbewerblicher Auswahlverfahren auf die Qualität der Doktorandenausbildung zu untersuchen.

Mit dem Angebot über „Fast-Track-Modelle“ Aspiranten eine frühe Heranführung an die Promotion zu ermöglichen, stehen die Graduiertenschulen voll im Trend: Mehrfach wurde – allerdings nicht empirisch untermauert – vom Wissenschaftsrat darauf hingewiesen, dass der wissenschaftliche Nachwuchs an deutschen Hochschulen zu alt sei. Um einer zunehmenden „Vergreisung“ entgegenzuwirken, empfahl der Wissenschaftsrat 1997 wie auch 2002 daraufhin, Maßnahmen zur Senkung der Promotionsdauer umzusetzen (Wissenschaftsrat 1997, 2002). Durch die schnelle Heranführung an die Promotion können Übergangszeiten vermieden und eine Promotion zu einem früheren Zeitpunkt abgeschlossen werden. Hierin spiegelt sich auch die Entstehung neuer Diskriminierungsmerkmale in der Wissenschaftsforschung wieder. An die Stelle von Geschlecht oder sozialer Herkunft treten Merkmale wie z.B. die Promotionsdauer oder das Promotionsalter, die beispielsweise die Zugehörigkeit zu einer „wissenschaftlichen Elite“ ausweisen und eine stärkere Beachtung in zukünftigen wissenschaftssoziologischen Untersuchungen erfahren sollten.

Literatur

Allmendinger, Jutta / Brückner, Hannah / Fuchs, Stefan / von Stebut, Janina, 1996: Berufliche Werdegänge von Frauen in der Max-Planck-Gesellschaft: Ausgangslage und Veränderungspotential. Ein zusammenfassender Projektbericht.
Berning, Ewald / Falk, Susanne, 2006: Promovieren an den Universitäten in Bayern. Praxis – Modelle – Perspektiven. München: Bayerisches Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung.
Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2005: „Germany’s Excellence Initiative“ (Einführungsvortrag). Bonn. Download
Enders, Jürgen / Bornmann, Lutz, 2001: Karriere mit Doktortitel? Ausbildung, Berufsverlauf und Berufserfolg von Promovierten. Frankfurt a.M., New York: Campus.
Hauss, Kalle / Kaulisch, Marc, 2011: Auswahlverfahren an Graduiertenschulen. Eine explorative Studie, in: Wergen, Jutta / Metz-Göckel, Siegrid : Perspektiven der Promotionsförderung und –forschung. LIT Verlag.
Joas, Hans, 1992: Das deutsche Universitätssystem und die Karrieremöglichkeiten junger Wissenschaftler, in: Mayer, Karl Ulrich (Hg.): Generationsdynamik in der Forschung. Frankfurt/ NewYork: Campus Verlag, 110-123.
Matthies, Hildegard / Kuhlmann, Ellen / Oppen, Maria / Simon, Dagmar, 2001: Karrieren und Barrieren im Wissenschaftsbetrieb. Geschlechterdifferente Teilhabechancen in außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Berlin: edition sigma.
Metz-Göckel, Sigrid / Selent, Petra, 2004: Die Doktorand/innenstudie. Abschlussbericht zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Fachbereichen/Fakultäten 12-16. Dortmund: Universität Dortmund.
Meuser, Michael, 2004: Geschlecht und Arbeitswelt – Doing Gender in Organisationen. Halle: Deutsches Jugendinstitut.
Sondermann, Michael / Simon, Dagmar / Scholz, Anne-Marie / Hornbostel, Stefan, 2008: Die Exzellenzinitiative. Beobachtungen aus der Implementationsphase. iFQ-Working Paper No.5. Bonn.
Sørensen, Aage B., 1992: Wissenschaftliche Werdegänge und akademische Arbeitsmärkte, in: Mayer, Karl Ulrich (Hg.): Generationsdynamik in der Forschung. Frankfurt/NewYork: Campus Verlag, 83-110.
Weber, Max, 1992: Wissenschaft als Beruf. Dunker & Humboldt, Berlin.
Wissenschaftsrat, 2007: Empfehlungen zur Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Köln: Wissenschaftsrat.
Wissenschaftsrat, 2002: Empfehlungen zur Doktorandenausbildung. Saarbrücken.
Wissenschaftsrat, 1997: Empfehlungen zur Neustrukturierung der Doktorandenausbildung und -förderung, in: Empfehlungen zur Doktorandenausbildung und zur Förderung des Hochschullehrernachwuchses. Köln: Wissenschaftsrat