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iFQ - Reform des DFG-Begutachtungssystems – Die Einführung der Fachkollegiaten (Meike Siekermann)

Reform des DFG-Begutachtungssystems – Die Einführung der Fachkollegiaten
Meike Olbrecht © Oktober 2006

Das Gutachtersystem der Deutschen Forschungsgemeinschaft geht in seinen Grundzügen auf den Chemie Nobelpreisträger Fritz Haber zurück, der an der Gründung der Vorgängergemeinschaft der DFG, der Notgemeinschaft der Wissenschaft, im Jahr 1920 maßgeblich beteiligt war. 1951 wurde dieses System mit der Wiederbegründung der DFG weitgehend übernommen und blieb in seiner Struktur bis 2003 bestehen. Einer grundlegenden Reform unterlag das System ein Jahr später mit der Einführung eines neuen Gremientypus: dem Fachkollegium.

1. Das DFG-Gutachtersystem vor 2004

Das bis zum Jahr 2004 bestehende DFG-Gutachtersystem setzte sich aus zwei Gutachtergruppen zusammen: den Fachgutachtern und den Sondergutachtern.

Die 650 Fachgutachter wurden für den Zeitraum von vier Jahren von Wissenschaftlern an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen gewählt. Die Satzung der DFG sah vor, dass alle Forschungsanträge von zwei im jeweiligen Fach gewählten Gutachtern beurteilt werden sollten. Die Aufgabe der Fachgutachter bestand in der Begutachtung des Förderantrags. Sie legten der DFG begründete Empfehlungen zur Förderung beantragter Vorhaben vor. Sollten die Fachgutachter zusätzliche Fachkenntnis benötigen oder die Belastung durch Begutachtungen zu groß sein, konnten in Ausnahmefälle so genannte Sondergutachter zu Rate gezogen werden. Bei den Sondergutachtern handelte es sich um Wissenschaftler, die besondere Expertise auf einem speziellen Fachgebiet aufwiesen (vgl. DFG 2003: 73f.). Die Auswahl der Sondergutachter erfolgte teilweise über die DFG-Geschäftsstelle, teilweise wurde sie aber auch direkt von den Fachgutachtern übernommen. Der Einsatz der Sondergutachter war allerdings weder durch die Satzung der DFG geregelt noch legitimiert.

Durch die steigende Anzahl von Anträgen, wuchs die Zahl der Sondergutachter kontinuierlich an. Als das Verfahren Anfang der 50er Jahre von der Vorgängereinrichtung übernommen wurde, lag die durchschnittliche jährliche Antragsbelastung bei unter zweitausend Anträgen. Heute sind es zehnmal so viel. Dem entsprechend stieg auch die Arbeitsbelastung für die Fachgutachter. Dazu kam eine immer stärkere Spezialisierung der Wissenschaft, die es manchem Fachgutachter unmöglich machte sich ein Urteil über einen Antrag zu bilden, ohne einen auf dem Gebiet tätigen Spezialisten zu Rate zu ziehen. So stellte die Begutachtung von Forschungsanträgen durch Sondergutachter zunehmend keine Ausnahme, sondern vielmehr die Regel dar. Im Jahr 1999 wurde im Einzelverfahren beinahe jedes zweite Gutachten von einem Sondergutachter verfasst. Noch höher - bei knapp 80 Prozent - lag deren Anteil bei den koordinierten Programmen (vgl. Koch 2006: 23).

Dazu kam 1953 mit der Einführung der so genannten "Schwerpunktprogramme" das Prinzip der mündlichen Begutachtung von Anträgen in Gutachtersitzungen, das für alle seitdem hinzugekommenen koordinierten Programme konstitutiv ist. Die Beteiligung gewählter Fachgutachter an diesen Begutachtungen war nicht verpflichtend geregelt, im Jahr 1999 wurden deshalb rund ein Drittel aller koordinierten Programme auch ohne Beteiligung gewählter Fachgutachter begutachtet.

Insgesamt unterstützten in der Zeit von 1999 bis 2001 knapp 9000 Sondergutachter die Arbeit von knapp 1000 in den Wahlperioden 1996 bis 1999 und 2000 bis 2003 gewählten Fachgutachtern (vgl. DFG 2003: 73f.).

2. Das DFG-Begutachtungssystem nach 2004

Mit der Reform des DFG-Begutachtungssystems 2004 reagierte die DFG auf die sich verändernde Antragssituation, sowie auf den Bericht einer internationalen Gutachterkommission, die 1999 die Ergebnisse einer Systemevaluation von DFG und Max-Planck-Gesellschaft vorgelegt hat. Zentrales Anliegen der Reform war es, "die Leistungsfähigkeit und die Durchführung des Verfahrens in einer inzwischen stark veränderten Forschungslandschaft zu sichern" (Koch 2006: 25). Die fachliche Begutachtung der Anträge, ihre vergleichende Bewertung für eine Förderempfehlung und die Entscheidung darüber, ob gefördert wird, sollten funktional voneinander getrennt werden.

Das "Fachkollegium", als neuer Gremientypus, sollte dies sicherstellen. Es tritt an die Stelle der bisherigen Fachausschüsse. Auch die Mitglieder des Fachkollegiums, die so genannten Fachkollegiaten, werden - wie die ehemaligen Fachgutachter - von der wissenschaftlichen Community für die Dauer von vier Jahren gewählt. Von diesen Fachkollegien gibt es insgesamt 48, die sich aus einem oder mehren Fächern zusammensetzen. Insgesamt sind sie in 201 Fächer untergliedert, die sich abhängig von dem jeweiligen Fach aus fünf bis 12 Mitgliedern zusammensetzen. Die zentrale Aufgabe der insgesamt 577 Fachkollegiaten (Stand: Wahlperiode 2004-2007) besteht in der Qualitätssicherung der Begutachtung bei der Vorbereitung von Förderentscheidungen.

Die Anzahl der Fachkollegiaten orientiert sich am zahlen- und volumenmäßigen Antragsaufkommen eines Fachgebiets sowie an seiner fachlichen Differenzierung (DFG 2006a: 40). Der größte Teil der Fachkollegiaten gehört mit 223 Personen dem Bereich "Lebenswissenschaften" an. Dazu zählen nach den DFG-Fachgebieten die Fächer "Biologie", "Medizin" sowie "Tiermedizin, Agrar- und Forstwissenschaften", wobei innerhalb dieses Bereichs die größte Gruppe mit 121 Vertretern der "Medizin" angehört. Da das Fachkollegium "Medizin" aufgrund seiner Größe einen Sonderfall darstellt, hat es sich bereits in seiner konstituierenden Sitzung in vier Sektionen geteilt.

Den zweitgrößten Fachbereich bilden die "Geistes- und Sozialwissenschaften". Mit 132 Personen gehören diesem Gebiet 22,9 Prozent der Fachkollegiaten an. Es folgen die "Naturwissenschaften" ("Chemie", "Physik", "Mathematik", "Geowissenschaften") mit 19,6 Prozent und die "Ingenieurswissenschaften" ("Maschinenbau und Produktionstechnik", "Wärmetechnik und Verfahrenstechnik", "Werkstofftechnik", "Elektrotechnik", "Informatik und Systemtechnik", "Bauwesen und Architektur") als kleinste Gruppe mit 18,9 Prozent (vgl. Abb. 2).

HFG = Helmholtz Gesellschaft
FhG = Fraunhofer-Gesellschaft
MPG = Max-Planck-Gesellschaft
WGL = Wissenschaftsgemeinschaft
Gottfried Wilhelm Leibniz

Quelle: DFG 2006a

Knapp 90 Prozent der Fachkollegiaten sind an Hochschulen tätig. Von den außeruniversitären Einrichtungen weist die Max-Planck-Gesellschaft mit 24 Wissenschaftlern die größte Anzahl von Kollegiaten auf, gefolgt von der Helmholtz-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft (vgl. Abb. 1).

Die Aufgabe der Fachkollegiaten besteht darin, den Prozess und die Ergebnisse der Begutachtung für jeden Antrag zu bewerten und einen Entscheidungsvorschlag für den DFG-Hauptausschuss, der in letzter Instanz entscheidet, abzugeben.

Während früher die gewählten Mitglieder der Fachausschüsse für die Begutachtung originär zuständig waren, wird nunmehr die Begutachtung außerhalb der Fachkollegien durchgeführt. Hierdurch soll eine klare Trennung zwischen der Begutachtung und der Bewertung dieser Begutachtung erreicht werden. Dadurch ist eine neue Ebene der wissenschaftlichen Bewertung und Qualitätssicherung eingeführt worden.

Die Aufgabe der DFG-Geschäftsstelle ist nun erstmals auch explizit durch die Satzung geregelt: "Die Begutachtungsverfahren werden von der Geschäftsstelle vorbereitet und koordiniert" (§8, Satz 4; DFG 2002). Ihre Aufgabe in diesem Begutachtungsablauf besteht darin, die Gutachter auszuwählen, die schriftlichen Gutachten einzuholen und einen Entscheidungsvorschlag für das Fachkollegium zu erstellen. Bei der Auswahl der Gutachter stehen die fachliche Eignung und die Arbeitsbelastung der betroffenen Person bei der Auswahl im Vordergrund. Außerdem muss der Ausschluss von Befangenheit durch Kooperation oder Konkurrenz, Lehrer-/Schüler-Beziehungen, gegenseitige Begutachtungen, etc., vermieden werden.

Quelle: DFG 2006a

Die heutigen Gutachter entsprechen wiederum in ihrer Funktion den früheren Sondergutachtern. Im Zeitraum von 2002 bis 2004 sind im schriftlichen Verfahren 65.556 Begutachtungsvorgänge zu 24.419 Anträgen durch 10.883 Gutachter und Gutacherinnen durchgeführt worden. Je Antrag entspricht dies einem Mittelwert von 2,7 Gutachten. Davon liegt der Anteil von im Ausland tätigen Gutachtern im schriftlichen Verfahren im Berichtszeitraum bei 13 Prozent, wobei der größte Teil der Gutachten aus Österreich und der Schweiz stammen. Gemeinsam sind in diesen beiden Ländern 52 Prozent aller im Ausland tätigen Gutachter der DFG aktiv. An dritter Stelle folgen die USA (12%) vor Großbritannien (10%), den Niederlanden (8%) und Frankreich (5%).

Von den inländischen Gutachern ist der größte Anteil (87% der Gutachter insgesamt) an einer Hochschule tätig. Gutachter an außeruniversitären Einrichtungen finden sich hauptsächlich an Instituten der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) (4%), der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) (3%) sowie der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) (2%). (vgl. DFG 2006a: 31)

Die nächste Fachkollegiatenwahl wird im Jahr 2007 stattfinden. Zu diesem Zeitpunkt soll das reformierte System mit seinen Zielen noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden, damit eventuelle Modifikationen vorgenommen werden können. Wie das System von den Akteuren selbst eingeschätzt wird, war bereits auf einer Tagung im Herbst 2005 Thema. Dort fand erstmals ein Treffen aller Vorsitzenden der Fachkollegien statt, das dem Austausch und der Bilanzierung der Erfahrungen untereinander und mit Vertretern der DFG dienen sollte. Im Sommer 2006 führte das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) zudem eine Befragung der Fachkollegiaten durch. Ziel der Befragung war es, einerseits Erfahrungen mit dem neu gestalteten Begutachtungsverfahren und anderseits Einschätzungen zu möglichen Veränderungen des Begutachtungssystems zu erheben. Die Ergebnisse dieser Befragung sind im iFQ-Working Paper „Peer Review in der DFG: die Fachkollegiaten“ veröffentlicht.

Literatur

  Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), 1951: Satzung der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Bonn, überarb. 2002. Online [Stand: 02.07.2014]
Download Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), 2003: Förder-Ranking 2003. Institutionen - Regionen - Netzwerke. DFG-Bewilligungen und weitere Basisdaten öffentlich geförderter Forschung. Bonn. [Stand: 31.10.2006]
Download Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), 2006a: Förder-Ranking 2006. Institutionen - Regionen - Netzwerke. DFG-Bewilligungen und weitere Basisdaten öffentlich geförderter Forschung. Bonn. [Stand: 31.10.2006]
Download Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), 2006b: Jahresbericht 2005. Aufgaben und Ergebnisse. Bonn. [Stand: 31.10.2006]
Download Hornbostel, Stefan und Meike Olbrecht, 2007: Peer Review in der DFG: die Fachkollegiaten. iFQ-Working Paper No.2. Bonn. [Stand: 12.03.2008]
  Koch, Stefan, 2006: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Reform ihres Begutachtssystems. Zur Einführung der Fachkollegien. Wissenschaftsrecht, 39. Band, Heft 1, März 2006.

 

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