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iFQ - Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Universitäten (Kalle Hauss)

Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses an deutschen Universitäten
Kalle Hauss © Oktober 2006 (letzte Aktualisierung Juli 2012)

1. Geschichte der Promotion

1.1 Die Verleihung der Doktorwürde im Mittelalter

Die Anfertigung der Doktorarbeit an einer Universität gilt heute als unerlässliche Voraussetzung für eine berufliche Karriere in der Wissenschaft. Ein Blick auf die historischen Ursprünge der Promotion verdeutlicht, dass mit der Entstehung der ersten europäischen Universitäten im 12. Jahrhundert in Italien und Frankreich die Promotion im Vergleich zu heute einen anderen Stellenwert hatte. Der „Doctor“ war bis zum Ende des 12. Jahrhunderts eine Berufsbezeichnung für Schulleiter und Lehrer, ganz gleich ob sie dabei an einer Universität, einer Schule oder einfach nur als Gelehrte ohne formales Zertifikat lehrten. Die Promotion (lat. promovere = vorbewegen) bezeichnet den mit der Verleihung der Doktorwürde verbundenen Prozess, das Promotionsverfahren, das bereits im Mittelalter mit einer Prüfung, der Dissertation (lat. dissertare = das mündliche oder schriftliche Abhandeln einer wissenschaftlichen Arbeit) abgeschlossen wurde.

Vordergründig bei der Verleihung der Doktorwürde im Mittelalter war jedoch nicht die wissenschaftliche Qualifizierung. Vielmehr wurden Trägern des Doktortitels zahlreiche Vorrechte, Ehren und Würden zugebilligt, die als Statussymbol gesellschaftliches Ansehen und Macht symbolisierten. Selten war deshalb auch die Erlangung des Doktortitels mit der Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit nach heutigem Verständnis verbunden. Das Promotionsverfahren bestand im Wesentlichen aus einer oder mehreren Disputationen, Streitgesprächen, die auf Kosten des Kandidaten oft tagelang in festlicher Atmosphäre zelebriert wurden. Aufgrund der hohen Kosten promovierte nur ein geringer Anteil von etwa 10-20% der so genannten Baccalauren zum Doktor (Bengeser 1965). Der Baccalaureus (Bachelor) stellte zu jener Zeit den niedrigsten akademischen Grad dar, der damals zur Promotion zum Doktor berechtigte (Wollgast 2001).

Bis ins 18. Jahrhundert hinein entwickelte sich die Promotion zu einem ritualisierten Verfahren, bei dem das wissenschaftliche Know-How des Kandidaten kaum eine Rolle spielte, noch jemand Verfasser seiner eingereichten Dissertation war. Die Promovenden waren oftmals schlecht ausgebildet, sprachen nur gebrochenes Latein (die Disputationen wurden zu jener Zeit in Latein abgehalten) und wurden nicht selten zum Ziel öffentlichen Gespötts (Wollgast 2001).

1.2 Entwicklungen bis ins 20. Jahrhundert

Erst im 19. Jahrhundert  kam es zu einer „Verwissenschaftlichung“ insofern, als das an den Universitäten neben der Lehre die eigenständige Forschungsarbeit an Bedeutung gewann. Es wurde zunehmend erwartet, dass Lehrer ihre Vorlesungen durch Berichte über eigene Forschungsergebnisse anreicherten. Auch der Stellenwert der Promotion änderte sich: Die Dissertation musste in gedruckter Form der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung gestellt werden und die sog. Promotion in absentia, ein Verfahren, bei dem der Titel ohne Disputation oder Rigorosum vergeben wurde, wurde abgeschafft. In der Folge stiegen das Ansehen des Promotionsverfahrens in der Öffentlichkeit sowie seine Bedeutung für die Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

2. Promotion heute: Zwischen Tradition und Wandel. Konkurrierende Paradigmen der Nachwuchsförderung?

Bis zum Beginn der 90er Jahre dominierte an deutschen Universitäten ein Modell der traditionellen Promotion, wie es seit dem 19. Jahrhundert bestand. Oftmals auch als „Meister-Schüler-Modell“ bezeichnet, wird dabei die Dissertation weitestgehend in eigenständiger Arbeit und in Abstimmung mit dem „Doktorvater“ angefertigt. Seit Mitte der 80er Jahre, etwa ein Jahrzehnt vor dem Bologna-Prozess 1999, zeichnet sich die Notwendigkeit einer Neustrukturierung in der Graduiertenausbildung ab, die von den Bemühungen geprägt ist, eine systematische Betreuung und das Arbeiten in Gruppen während und nach der Promotionsphase zu fördern (Wissenschaftsrat 1986). Maßgeblich für diese Forderungen sind Promotionsstudiengänge in den USA, die als erfolgreiches Modell auch für das deutsche Hochschulwesen herangezogen werden.

Heute zeichnet sich ein System mehrerer nebeneinander bestehender Promotionsformen in Deutschland ab. Dabei stellt die traditionelle Promotion immer noch die häufigste Form der Graduiertenausbildung dar (Gerhardt et al. 2005). In der Praxis stellen traditionelle und strukturierte Promotion allerdings auch nicht sich ausschließende Alternativen dar. Vielmehr entstehen durch „assoziierte Mitgliedschaften“ in Graduiertenkollegs und Gasthörerschaften Hybridformen, die eine eindeutige Zuordnung in ausschließlich traditionelle oder strukturierte Promotionsform unrealistisch erscheinen lassen.

Dennoch deutet eine wachsende Zahl strukturierter Promotionsprogramme auf eine zunehmende Ausrichtung an den angloamerikanischen Doctoral Studies, deren flächendeckende Etablierung an deutschen Hochschulen nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund einer besseren Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandortes Deutschlands vom Wissenschaftsrat (2002) und der Hochschulrektorenkonferenz (2003) gefordert werden (Berning und Falk 2005).

Bereits Mitte der 80er Jahre begannen in Deutschland einige Stiftungen (Robert-Bosch-Stiftung, Volkswagenstiftung und Fritz-Thyssen-Stiftung) mit der Einrichtung von strukturierten Promotionsprogrammen in Form von Graduiertenkollegs, und griffen damit der „Bund-Länder-Vereinbarung zur Förderung von Graduiertenkollegs“ vorweg, die 1989 auf Grundlage einer erneuten Empfehlung des Wissenschaftsrates (Wissenschaftsrat 1989) zustande kam. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) wurde darin mit der Durchführung des Förderprogramms beauftragt.

2.1 Graduiertenkollegs der DFG

Die Graduiertenkollegs der DFG haben sich seit Beginn ihrer Förderung 1990 zu einem festen Bestandteil der strukturierten Doktorandenausbildung an deutschen Hochschulen entwickelt. Promovierende fertigen die Dissertation dabei im Rahmen eines curricularen Studienprogramms an, wobei eine interdisziplinäre und internationale Ausrichtung im Vordergrund steht. Derzeit fördert die DFG bundesweit 226 nationale und 61 internationale Graduiertenkollegs (vgl. DFG Pressemitteilung Nr. 63 | 9. November 2009). Zwischen April 2003 und März 2004 waren 6263 Doktoranden außerhalb der Medizin in die Kollegs eingebunden, das entspricht einem Anteil von etwa 7% der Promovierenden in Deutschland (DFG 2004). Neben Promovierenden sind i.d.R. Postdoktoranden als Leiter, bzw. Lehrende, Professoren, Gastprofessoren, und technische Angestellte (Hilfskräfte) in den Kontext der Graduiertenkollegs eingebunden.

2.2 Strukturierte Promotionsstudiengänge an deutschen Hochschulen

Nach dem Muster der DFG-Graduiertenkollegs haben sich seitdem eine Reihe von Promotionsprogrammen mit dem Ziel der (Neu)strukturierung der Graduiertenausbildung etabliert. Obgleich sich die Programme sowohl in der Art der Finanzierung als auch bezüglich des Grades der curricularen Ausrichtung unterscheiden, ist insgesamt eine starke Orientierung an den Reformvorstellungen des Wissenschaftsrates (2002) und Hochschulrektorenkonferenz (1997, 2002) festzustellen. Danach stehen

  • die Reduzierung der Promotionsdauer,
  • die Förderung besonders qualifizierter AbsolventInnen, sowie
  • die Vermittlung zusätzlicher, fächerübergreifender Schlüsselkompetenzen im Mittelpunkt der Zielsetzung.

Neben einer Vielzahl strukturierter Promotionsstudiengänge an Universitäten, bieten einige außeruniversitäre Einrichtungen strukturierte Programme im Sinne eines Studiums an. Zu den bekannteren Programmen gehören:

3. Promotionsneigung in Deutschland

Vor dem Hintergrund der veränderten Promotionsbedingungen an deutschen Hochschulen stellt sich die Frage, welcher Einfluss des Strukturwandels auf die Attraktivität der Promotion ausgeht. Veränderungen sollten insbesondere seit Mitte der 90er Jahre erkennbar werden. Dabei wird davon ausgegangen, dass mit der Einführung der strukturierten Promotion ihre Attraktivität steigt und die Neigung zur Promotion in den Fächern zunimmt.

Auf Grundlage von Zahlen des Statistischen Bundesamtes wird im Folgenden der Blick auf die Entwicklung der Promotionszahlen rückblickend seit den 70er Jahren nach Fächergruppen differenziert gerichtet. Dabei stehen neben der Entwicklung der Absolutzahl abgeschlossener Promotionen die Neigung zur Promotion sowie die relativen Chancen von Frauen zur Promotion im Vordergrund der folgenden Analysen.

Anzahl bestandener Promotionen in Tausend nach Fächergruppen. Bis 1992 altes Bundesgebiet, ab 1993 Gesamtdeutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2010, FS 11 Reihe 4.2

Abbildung 1 bildet die Zahl absoluter Promotionen in Deutschland seit Beginn der 70er Jahre nach Fächergruppen ab. Zu erkennen ist ein deutlicher Anstieg an abgeschlossenen Promotionen in der Medizin zum Ende der 70er Jahre. Bis zum Jahr 2000 hat sich ihre Zahl nahezu verdoppelt. Auch die Zahl abgeschlossener Promotionen in Mathematik und Naturwissenschaften erfährt zu Beginn der 80er Jahre einen Anstieg bis zum Jahr 2000. Ihre Zahl verdreifacht sich und ist seit 2000 leicht rückläufig. Geringere Zuwächse erfuhren seit den 70er Jahren die Fächergruppen Sprach- und Kulturwissenschaften, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Ingenieurwissenschaften, obgleich sich auch hier von einem geringeren Niveau ausgehend die Zahl der Promotionen etwa verdoppelt hat. Die Promotionszahlen nehmen 2008 im Vergleich zum Vorjahr leicht zu (mit Ausnahme der Veterinärmedizin).

Zur Berechnung der Promotionsneigung wurde eine "theoretische Ausgangspopulation" aus der Anzahl der Absolventen (Diplom und entsprechende Master, Staatsexamen - ohne Lehramt) im jeweiligen Fachgebiet ermittelt. Folgende Promotionszeiten wurden für diese überschlägige Berechnung herangezogen: Sprach-/Kultur-, Rechtswissenschaft, Kunstwissenschaft: 5 Jahre Mathematik/Natur-, Ingenieurwissenschaft: 4 Jahre Humanmedizin, Veterinärmedizin: 1 Jahr. Die Ausgangspopulation berechnet sich folgendermaßen: Jahr der Promotion - durchschnittliche Promotionsdauer = maßgebliches Jahr der Ausgangspopulation.
Werte von mehr als 100% entstehen, weil es sich nicht um eine tatsächliche Kohortenanalyse, sondern lediglich um eine "theoretische Ausgangspopulation" handelt. Veränderungen in der Promotionsdauer führen dann dazu, dass die tatsächliche Promotionsneigung über- oder unterschätzt wird.
Bis 1992 altes Bundesgebiet, ab 1993 Gesamtdeutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2010, FS 11 Reihe 4.2

Das Bild der zunehmenden Promotionen relativiert sich allerdings in dem Moment, wo der Anteil abgeschlossener Promotionen als Prozentsatz einer Abschlusskohorte abgebildet wird (Abbildung 2). Die ermittelte Promotionsneigung zeigt in der Tendenz ein über die Jahre konstantes Niveau innerhalb der Fächer. Mit Ausnahme der Promotionsneigung der medizinischen Fächer, wo der Promotion ohnehin aufgrund der sehr kurzen Promotionsdauer eine besondere Bedeutung zukommt, sprechen die Zahlen für ein innerhalb der Fächergruppen gleich bleibendes Niveau bezüglich der Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses über die Zeit.

Auffällig ist allerdings eine abnehmende Tendenz der Promotionsneigung in den Fächergruppen Humanmedizin und Veterinärmedizin seit 2005.

 

Δ
Mathematik/Naturwissenschaften (Männer)
Ο
Mathematik/Naturwissenschaften (Frauen)
Δ
Ingenieurwissenschaften (Männer)
Ο
Ingenieurwissenschaften (Frauen)

Zur Berechnung der Promotionsneigung wurde eine "theoretische Ausgangspopulation" aus der Anzahl der Absolventen (Diplom und entsprechende, Master, Staatsexamen - ohne Lehramt) im jeweiligen Fachgebiet ermittelt. Für die hier abgebildeten Fächer wurde eine durchschnittliche Promotionsdauer von 4 Jahren herangezogen. Die Ausgangspopulation berechnet sich folgendermaßen: Jahr der Promotion - durchschnittliche Promotionsdauer = maßgebliches Jahr der Ausgangspopulation.
Bis 1992 altes Bundesgebiet, ab 1993 Gesamtdeutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2010, FS 11 Reihe 4.2

Abbildung 3 veranschaulicht die Neigung zur Promotion in den Fächergruppen Mathematik/ Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften nach dem Geschlecht. Dabei ist in den Ingenieurwissenschaften der Tendenz nach die Promotionsneigung von Frauen über die Zeit leicht angestiegen, obgleich sie dennoch unter dem Neigungsniveau der Männer bleibt.

Innerhalb der Mathematik und Naturwissenschaften kommt es seit Beginn der 90er Jahre zu einer geschlechtlichen Angleichung der Promotionsneigungen, die allerdings nicht von einer Zunahme der Neigung der Frauen, sondern von einer Abnahme der Promotionsneigung der Männer herrührt.  Seit 2000 steigt das Niveau sowohl bei Frauen als auch bei Männern erneut an. Auch mit Blick auf die Mathematik und Naturwissenschaften ist seit den 80er Jahren keine wesentliche Zunahme in der Promotionsneigung der Frauen erkennbar.

Δ
Sprach- & Kulturwissenschaften (Männer)
Ο
Sprach- & Kulturwissenschaften (Frauen)
Δ
Rechts-, Wirtschafts- & Sozialwiss. (Männer)
Ο
Rechts-, Wirtschafts- & Sozialwiss. (Frauen)
Δ
Kunst & Kunstwissenschaften (Männer)
Ο
Kunst & Kunstwissenschaften (Frauen)

Zur Berechnung der Promotionsneigung wurde eine "theoretische Ausgangspopulation" aus der Anzahl der Absolventen (Diplom und entsprechende, Master) im jeweiligen Fachgebiet ermittelt. Für die hier abgebildeten Fächer wurde eine durchschnittliche Promotionsdauer von 5 Jahren herangezogen. Die Ausgangspopulation berechnet sich folgendermaßen: Jahr der Promotion - durchschnittliche Promotionsdauer = maßgebliches Jahr der Ausgangspopulation.
Bis 1992 altes Bundesgebiet, ab 1993 Gesamtdeutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2010, FS 11 Reihe 4.2

In der Fächergruppen Sprach- und Kulturwissenschaften sind deutliche Niveauunterschiede bezüglich der Promotionsneigung von Frauen und Männern festzustellen, die sich im Laufe der Zeit allerdings nicht wesentlich verändern (Abbildung 4). Frauen haben seit 1982 mit 10-15% eine etwa halb so ausgeprägte Promotionsneigung im Vergleich zu Männern (25-30%).

Auch die geschlechtlichen Neigungsunterschiede in der Fächergruppe Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zeigen einen insgesamt kontinuierlichen Verlauf. Die Neigung der Frauen bleibt unter dem Niveau der Männer, obgleich der Tendenz nach eine leichte Zunahme seit Mitte der 80er Jahre zu erkennen ist.

In der Fächergruppe Kunstwissenschaften ist seit Ende der 70er Jahre eine rückläufige Promotionsneigung sowohl bei Frauen als auch bei Männern feststellbar. Die geschlechtlichen Niveauunterschiede sind dabei zu vernachlässigen.

Wie aber verhält es sich mit der Chancengleichheit in der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung? Haben Frauen und Männer die gleichen Chancen eine Promotion abzuschließen? Abbildung 5 stellt die relativen Chance der Frauen zu promovieren im Verhältnis zur entsprechenden Chance der Männer für die Fächergruppen Mathematik und Naturwissenschaften sowie Ingenieurwissenschaften dar. Für beide Fächergruppen lässt sich eine deutliche Zunahme der relativen Promotionschance zu Gunsten der Frauen feststellen, die allerdings in den Ingenieurwissenschaften seit 2001 und in den Naturwissenschaften seit 2002 wieder rückläufig ist.

Die abgetragenen Werte sind Anteilswerte und stellen die relative Chance von Frauen dar, im Vergleich zu Männern eine Promotion abzuschließen. Ein Wert <1 bedeutet dabei eine geringere Chance der Frauen zu promovieren. Ein Wert >1 entsprechend eine größere Chance. Bei einem Wert =1 liegen gleiche Promotionschancen zwischen Frauen und Männern vor. Die abgetragenen Werte sind gleitende Durchschnitte (Dreierdurchschnitt).
Bis 1992 altes Bundesgebiet, ab 1993 Gesamtdeutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2010, FS 11 Reihe 4.2

Tendenziell haben sich die Promotionschancen für Frauen jedoch seit Ende der 70er Jahre in beiden Fächergruppen bis 2002 mehr als verdoppelt.

Die abgetragenen Werte sind Anteilswerte und stellen die relative Chance von Frauen dar, im Vergleich zu Männern eine Promotion abzuschließen. Ein Wert <1 bedeutet dabei eine geringere Chance der Frauen zu promovieren. Ein Wert >1 entsprechend eine größere Chance. Bei einem Wert =1 liegen gleiche Promotionschancen zwischen Frauen und Männern vor. Die abgetragenen Werte sind gleitende Durchschnitte (Dreierdurchschnitt).
Bis 1992 altes Bundesgebiet, ab 1993 Gesamtdeutschland.
Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland 2010, FS 11 Reihe 4.2

Die relativen Promotionschancen der Frauen Schwanken in den Kunstwissenschaften im Zeitverlauf zwischen 0.72 1982 und einem Höchststand von 1.15 im Jahre 2004. Obgleich zeitweilig die Promotionschancen der Frauen in den Kunstwissenschaften seit 1983 über dem Niveau der Männer liegen, zeigt sich doch im Gesamtbild über die Zeit ein in der Tendenz gleich bleibendes Niveau: Frauen und Männer haben die gleichen Chancen zu promovieren.

In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften hingegen fallen die Promotionschancen der Frauen zunächst bis Mitte der 80er Jahre auf 0.42 ab, um anschließend annähernd monoton steigend ein Niveau von 0.68 im Jahr 2003 zu erreichen. Auch in dieser Fächergruppe haben sich demnach die Promotionschancen zugunsten der Frauen verbessert, wenngleich die Promotionschancen für Frauen hier seit dem Jahr 2003 leicht rückläufig sind.

Ein anderes Bild zeigt sich hingegen mit Blick auf die Fächergruppe  Sprach- und Kulturwissenschaften. Im Zeitverlauf schwanken die Promotionschancen der Frauen unwesentlich, nahezu konstant auf gleich bleibendem Niveau (zwischen 0.4 und 0.5). Frauen haben hier eine etwa halb so große Chance zur Promotion. In der Tendenz ist seit 2000 ein leichter Aufwärtstrend erkennbar.

4. Resümee

Die Promotion erlebt derzeit einen Strukturwandel, der in Gestalt strukturierter Promotionsprogramme ein vielfältiges Promotionsangebot an deutschen Hochschulen entstehen lässt. Während noch bis Anfang der 90er Jahre das Modell der traditionellen Promotion des 19. Jahrhundert dominierte, sind heute strukturierte Promotionsangebote nach angloamerikanischem Vorbild in zunehmendem Maße in Form von Graduiertenkollegs, Promotionskollegs und Graduate Schools Bestandteil der Graduiertenausbildung an deutschen Hochschulen.

Inwiefern sich die veränderten Rahmenbedingungen der Promotion in der Hochschulstatistik niederschlagen, wurde anhand der Analyse der Absolutzahl der abgeschlossenen Promotionen, der Neigung zur Promotion sowie der Chancengleichheit in der Graduiertenausbildung anhand von Daten des Statistischen Bundesamtes erörtert. Dabei wurde davon ausgegangen, dass mit der Einführung strukturierter Promotionsstudiengänge Anfang der 90er Jahre die Attraktivität der Promotion wächst und in der Folge die Promotionsneigung steigt. Anhand der Daten konnte allerdings keine gesteigerte Promotionsneigung ab den 90er festgestellt werden. In der Tendenz steigen zwar die Promotionen absolut an, jedoch bleiben in allen untersuchten Fächergruppen die Promotionsneigungen über die Zeit auf einem relativ konstanten, fachspezifischen Niveau.

Hinsichtlich der Chancengleichheit lassen sich insbesondere in den Fächergruppen Mathematik/ Naturwissenschaften und Ingenieurwissenschaften eine Tendenz zu Gunsten der Frauen feststellen, die allerdings seit 2001 wieder leicht rückläufig ist. Insgesamt haben sich die Promotionschancen der Frauen in diesen Fächergruppen zwischen 1977 und 2001 mehr als verdoppelt.

Die zunehmende Verbreitung strukturierter Promotionsformen kann über Jahrhunderte gewachsene Fächerkulturen nicht innerhalb eines Jahrzehnts verändern. Die Tatsache, dass nach wie vor die Mehrzahl der Promovierenden den Weg der „traditionellen Promotion“ geht, verdeutlicht, dass sich der wissenschaftliche Nachwuchs auch in Zukunft entlang bewährter Strukturen orientiert.

Literatur

Bengeser, Gerhard, 1965: Doktorpromotion in Deutschland. Begriffe, Geschichte, gegenwärtige Gestalt. Bonn: Hochschul-Dienst.
Berning, Ewald / Falk, Susanne, 2005: Das Promotionswesen im Umbruch. Beiträge zur Hochschulforschung 1, 48-74.
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), 2004: Entwicklung und Stand des Programms "Graduiertenkollegs". Erhebung 2004. Deutsche Forschungsgemeinschaft: Gruppe Graduiertenkollegs/ Nachwuchsförderung. Online [Stand: 31.10.2006]
Gerhardt, Anke / Briede, Ulrike / Mues, Christopher 2005: Zur Situation der Doktoranden in Deutschland. Ergebnisse einer bundesweiten Doktorandenbefragung. Beiträge zur Hochschulforschung 1, 74-96.
Wissenschaftsrat, 1986: Empfehlungen zur Struktur des Studiums. Köln: WR.
Wissenschaftsrat, 1989: Empfehlungen und Stellungnahmen 1988. Köln: WR.
Wollgast, Siegfried, 2001: Zur Geschichte des Promotionswesens in Deutschland. Bergisch-Gladbach: Dr. Frank Grätz Verlag.

 

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